Traumvision am 24.10.2003: Ich sehe alles in Blautönen, ein grosser Tempel in Wasser mit unendlich hoher Decke und wunderschönen Säulen aus weissem Marmor. In der Mitte des Tempels steht eine Priesterin, sie hat die Arme ausgebreitet und hält ein grosses Netz. Über ihrem Kopf sehe ich Licht, Wassertropfen hängen im Netz, weitere Wassertropfen schweben langsam in der Schwerelosigkeit kreisrund durch die Luft, dem Licht entgegen. Die Priesterin selber steht inmitten dieser Quelle. Ich nehme mich selber als einen dieser zum Licht strebenden Tropfen wahr. Der Anblick ist überwältigend und die Priesterin ist gross, über alles erhaben und imposant. Hier endet die Traumvision und lässt mich mit vielen Eindrücken und Fragen zurück.
Mir fiel sofort die Ähnlichkeit der Vision mit der Tarotkarte von Crowley, Die Hohepriesterin, auf. Also schnappte ich mir das Buch von Akron und Hajo Banzhaf:
Zitat: Der Hohepriesterin wird die Zahl 2 zugeordnet: 2 = Dualität, Spaltung in Subjekt und Objekt, der Halbkreis. Die Zahl der wünschenswerten Alternative oder des Zweifels (Zwei Fälle). Der erste Zweifel; Evas „Sollte Gott gesagt haben?“ vertrieb und vertreibt noch heute die Menschen aus dem Paradies der ruhigen Unbefangenheit. Gleichzeitig ermöglicht nur der methodische Zweifel höhere Erkenntnis.1
Im Jahre 2003, als ich diese Vision hatte, habe ich mich viel mit dem Liber Al der Thelemiten beschäftigt und hatte auch Kontakte zum OTO (Ordo Templis Orientis). Also habe ich meine Gedanken zur Vision und zur Karte mit einem Mitglied des OTO besprochen. Die Dualität spielt auch bei den Thelemiten eine grosse Rolle - das grosse Ziel ist es, seinen wahren Willen zu erkennen und den Abyss (von „oben“ betrachtet die Schwelle zur Materie von „unten“ betrachtet Schwelle zum All-Eins-Sein) zu überqueren. Also eigentlich die Überwindung des Egos, der irdischen Konditionierungen, Prägungen, um das wahre Wesen zu erkennen, befreit von allen Einflüssen dieser Welt. Wie gelangt man im Leben zu dieser Erkenntnis? Wie überwindet man quasi IN der Dualität das Duale? Und ist wirklich DAS das Ziel? Geht das überhaupt? Ich habe mir für mich überlegt, dass es nicht das Ziel des Lebens in der Dualität sein kann, das Duale komplett verbannen zu wollen, sondern dass ich als Mensch das Duale und das All-Eins miteinander VERBINDE, dass wir sozusagen die fleischgewordene Brücke sind, die das All-Eins und die Dualität über den Abyss hinweg miteinander verbindet. Prägungen, Konditionierungen bilden den Zensor, den Wächter auf der Brücke, der nicht alles durch lässt. Diesen gilt es zu überwinden, damit die Erkenntnis fliessen kann, nicht die Dualität selbst.
In dieser Zeit im Austausch mit dem OTO haderte ich am allermeisten mit Begriffen wie "Gelassenheit erlangen", "sich nicht binden", "nicht zwischen dem einen und dem anderen unterscheiden" - denn wie kann man in dieser Welt gelassen sein, ohne sich aus dem Leben zu nehmen? Wie kann man unverbindlich sein, wenn wir doch Menschen sind, die doch schon immer in "Rudeln" und "Clans" lebten? Und wie soll man denn alle Menschen gleich behandeln, gleich lieben, gleich schätzen? Erst heute habe ich erkannt, dass ich immernoch versucht habe, die Kräfte der Dualität auszuhebeln, denn es geht nicht um absolute Gelassenheit, denn man soll sich ja durchaus mit dem Leben auseinandersetzen. Es geht um die gelassene Haltung, damit man sich BESSER mit dem Leben auseinandersetzen kann. Es geht in der Beziehung darum, verbindlich zu sein, ohne den anderen mit Gewalt an sich binden zu wollen. Es geht darum, in der Gruppe, im Clan stark zu sein, weil man es kann, nicht weil man muss. Es geht darum, nicht so sehr zu wollen, zu verlangen, sondern auf sich und seine Kraft zu vertrauen und sich im Ganzen zu spüren, weil man weiss und fühlt, dass man nicht nur Mensch ist, der all seinen Prägungen und Konditionierungen ausgeliefert ist, sondern auch zu spüren, dass man die Verbindung zu seinem wahren Wesen hat, das frei von allen Zwängen ist.
Nach längerer Auseinandersetzung mit verschiedenen Richtungen in der Magie habe ich die Schattenmagie gefunden. In der Schattenmagie geht es also darum (um es im Zusammenhang mit diesem Text zu beschreiben) den Zensor, Wächter auf der Brücke, als Schatten zu erkennen. In meinem Leben ist zum Beispiel meine sehr schwierige Beziehung zu meinem Vater so ein Schatten, der mich oftmals unerbittlich in Handlungen und Verhinderungen zwingt, wo keine Entwicklung mehr möglich ist. Das stört mich nicht nur in Beziehungen, sondern verhindert auch einen Aufbau von Vertrauen im Allgemeinen. Es zwang mich in die Isolation und zwang mich, mich ungeliebt zu fühlen, so dass mein Selbstbild uns Selbstwert so schlimm angeschlagen waren, dass ich innerlich am verkümmern war und fast schon kein Teil dieser Welt, dieser Existenz sein wollte. Gleichzeitig führte ich immer wieder Situationen herbei, um mich selber in diesen Mustern zu halten. Diesen Mustern gehen wir in der Schattenmagie auf den Grund und lösen sie dadurch auf, indem wir sie erkennen, sie also ins Licht rücken.
Die Erkenntnisse, die ich durch die Schattenmagie in tiefen Gesprächen erhalte, erinnern mich also daran, wer ich wirklich bin. Indem ich den Schatten erkenne, wird der Austausch via Brücke zwischen dem dualen ICH und meinem wahren Wesen gewährleistet und ich komme wieder an meine Kraft und kann mich entfalten, kann meine Energie für kreative Prozesse verwenden, meine Ideen verwirklichen.
Zitat: Die Hohepriesterin ist die Verbindung zwischen Kether und Tiphareth, eigentlich der Weg von Kether („das Ewige“) nach Tiphareth („Bewusstsein und Harmonie“). Austausch zwischen göttlicher und menschlicher Energie, also repräsentiert sie die nach Form und Ausdruck (auf materieller Ebene) strebende (göttliche) Idee.
Das Ideenreich ist auf immaterieller Ebene, der Ausdruck davon auf materieller, wir sind ein göttlicher Ausdruck und das göttliche spiegelt sich in uns und erkennt sich und sieht sich durch uns. Es manifestiert sich, durch unser Handeln und Dasein, denn sonst hätte das göttliche keine Plattform.
Ich vermute, dass nur durch das Zusammenspiel und den Austausch zwischen dieser, nennen wir es mal göttlichen Ebene (über dem Abyss) und der materiellen und dualen, gespaltenen Ebene (unterhalb des Abyss) beide „Welten“ gesund sein können und überhaupt existieren und sich gegenseitig zu Ausdruck bringen können.
Beide „Welten“ haben ihren Zweck und ihre Existenzberechtigung, beide sind nötig.
Deshalb ist es nötig, dass wir unser Leben als Mensch in der Dualität schätzen und ausleben, denn sonst können wir oder besser gesagt unser wahres Wesen sich nicht auf der göttlichen Ebene ausdrücken. Es geht darum unsere göttlichen Ideen zu materialisieren, auf materieller Ebene ausdrücken. Denn die Brücke führt ja nicht nur in eine Richtung, sondern auch in die andere! Wir existieren wohlmöglich auf beiden Ebenen „gleichzeitig“. Gleichzeitig ist irrelevant, da es oberhalb des Abyss keine Zeit gibt, sind wir „oben“ allgegenwärtig und zum Ausdruck des göttlichen auch „jetzt“ in der „zeitlichen Kapsel Illusion“. Doch zur Vollendung ist es unsere Aufgabe es so wahrzunehmen und es so sogar zu geniessen, sich des Ausdrucks zu freuen, diese Plattform zu nutzen.
So wie auch die Dualität an sich etwas wunderbares ist und notwendig für die Entstehung des Lebens. Das erinnert mich an die Verse aus dem Liber Al der Thelemiten: AL,Vers 16, Kap I: „Denn er ist immer eine Sonne und sie ein Mond. Sein aber ist das geflügelte geheime Feuer, und ihr das gebeugte Sternenlicht.“ AL, Vers 29, Kap I: „Denn ich bin geteilt um der Liebe willen, für die Möglichkeit der Vereinigung.“
Er ist die das Licht oder die Kraft ausströmende Sonne, sie ist der das Licht der Sonne reflektierende und ihm dabei und dadurch Form gebende Mond. Die Sonne ist unfähig Licht zu reflektieren, der Mond ist unfähig aus sich heraus Licht auszustrahlen.
Das Beispiel zeigt den Vorgang ganz exakt, denn der Weltraum ist dunkel, obwohl die Lichtstrahlen der Sonne ihn durcheilen. Das Licht wird erst sichtbar, wenn es in der Luft oder z.B. auf der Oberfläche des Mondes reflektiert wird.
Man könnte es auch so auffassen, dass es zum Ausdruck, zwei Sterne braucht, die eine bestimmte Passform haben und ineinander greifen. Der eine ist das männliche Prinzip, der andere das weibliche, also Sonne und Mond... Nehmen wir die Hohepriesterin als weibliches Prinzip: Die Hohepriesterin bildet zusammen mit der männlichen Seite des Magiers die Schaltstelle zwischen Idee (Interpretation des Geistes) und deren Einbindung in die Form (Begrifflichkeit des Fleisches). Das ist Bewusstheit in ihrem höchsten Ausdruck.
Und mit einem Grinsen im Gesicht hab ich natürlich diesen Abschnitt über die Hohepriesterin gelesen: Auf der Karte hebt die Göttin ihren Schleier und gibt damit einen Teil ihres Geheimnisses preis. Wer aber den Teil für das Ganze hält und glaubt, mit diesem Einblick das ganze Geheimnis erfasst zu haben, begeht den gleichen Fehler wie Ödipus. Dieser hatte zwar das Rätsel gelöst, das die Spinx ihm aufgab, nicht aber das Rätsel, das die Sphinx selbst darstellte: das unergründlich Weibliche.
So schliesse ich meine lange Abhandlung über dieses Thema vorerst. Dies sind keine fertigen Gedanken, falls es sowas überhaupt gibt :-). So begebe ich mich, wie jeder anständige Schattenmagier wieder auf den Weg des Suchenden, denn irgendwo wartet wieder die nächste Quest, das nächste Abenteuer, das nächste Rätsel - denn ansonsten wären wir ja am Ende des Films :-)
Camenae
